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Catullus, Gaius Valerius: Carmen LXXII

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Wie schon erwähnt, wird der scharfe Gegensatz zwischen dem quondam und dem nunc te cognovi in Zeile 5 deutlich. Gerade die Kürze dieser Einleitung zeigt die extreme Gefühlslage Catulls. Verbittert und ernüchtert erkennt er, wie sehr er sich in Lesbias Gefühlen geirrt hat. Auch der Chiasmus zwischen dilexi tum und nunc cognovi drückt diese Erkenntnis deutlich aus. Und in dem gleichen Maße, wie in der ersten Hälfte des Gedichts der Unterschied zwischen Lesbias und Catulls Gefühlen ausgedrückt wird, so zeigt sich in der zweiten Hälfte der Zwiespalt, in den Catull geraten ist. Dieser Zweispalt wird gleich durch impensius und vilior et levior angedeutet, bevor er zwei Zeilen später klar und deutlich durch amare und bene velle das Gedicht zum Abschluß bringt. Die Gegenüberstellung von zwei Begriffen gegen impensius ist durchaus gewollt und aussagekräftig. Impensius mag gewöhnlich mit “in größerem Maße” übersetzt werden, hat jedoch eine zweifache Bedeutung, einerseits “schwerer”, andererseits “mit größeren Kosten, teurer”. Und genau diesen beiden Aspekten entsprechen levior (leichter) und vilior (billiger). “Vilior et levior ist dann nicht etwa ein vager Ausdruck der Mißbilligung ..., sondern eine genaue, wenn auch paradoxe, Paraphrase zu impensius”.
Diese erste Darstellung jedoch muß den Leser eher verwirren, als daß sie ihm Klarheit verschafft. Was meint Catull damit, daß er einerseits entflammt ist, andererseits aber Lesbia ihm weniger bedeutet? Wie kann dieser Widerspruch erklärt werden? Qui potis es? (Die feminine bzw. maskuline Form von potis muß uns hier nicht weiter verwundern, Catull benutzt wohl aus metrischen Gründen eine alte Neutrum-Form, die auf die Dauer durch Entfallen des s und Wandel des i zu pote wurde.) Catull nimmt diese Frage auf, wobei er die Frage scheinbar Lesbia stellt, zu der er ja die ganze Zeit spricht. Es darf allerdings angenommen werden, daß er die Frage auch sich selber stellt, und auch die folgende Erklärung liefert zwar einen ersten Schritt zur Antwort, doch vollständig kann Catull es weder sich noch seinem Leser erklären. Er fühlt nur, daß diese iniuria ihn zu solch gemischten Gefühlen zwingt. Auch am Ende des Gedichts taucht wieder der Unterschied zwischen der leidenschaftlichen, jedoch physischen Liebe und der emotionalen Zuneigung auf, wie schon zu Anfang des Gedichts der Unterschied durch tenere und dilexi, so wird dieser Konflikt nun noch einmal durch amare und bene velle dargestellt. “Die Flamme der Leidenschaft, die die physische Seite seiner Liebe ausmacht, ist immer heißer geworden, während seine geistige Achtung, die nicht-physische Seite, tiefer und tiefer gesunken ist.”. Somit bringt Catull am Ende seines Gedichtes seine Gedanken noch einmal klar zum Ausdruck, während er zugleich das Leiden, das damit verbunden ist, dem Leser deutlich vor Augen führt. Die iniuria zwingt ihn, so zu fühlen, ohne daß er sich dagegen wehren kann. So wie Catull das Gedicht angefangen hat, indem er auf die frühere schöne Zeit verweist, so beendet er das Gedicht mit dem negativen bene velle minus, das noch einmal die Folgen des dicebas und der damit verbundenen Heuchelei herausstellt. Zuletzt zeigt die Häufung der Komparative, von impensius über vilior, levior und magis bis zu minus, einerseits den Unterschied zum ersten Teil, doch noch viel mehr die Emotionen Catulls. “Auch die Häufung der Komparative schließlich verrät, wie sehr der Dichter Ausgewogenheit und Maß im Jetzt verloren hat; denn der Bezugspunkt, der Positiv all der Steigerungen ... liegt nicht in der zweiten Hälfte, sondern in dem entschwundenen glücklichen Einst der ersten Hälfte.”

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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